Alt Demografischer Wandel in Tschirn

Wer für die Zukunft bleibt

Die Deutschen werden immer älter – eine Entwicklung, die auch Franken trifft. Die Gemeinden mit dem höchsten Durchschnittsalter liegen im Fichtelgebirge und im Frankenwald. In Tschirn im Landkreis Kronach etwa ist mehr als die Hälfte der knapp 600 Einwohner über 50 Jahre alt.


Die demografische Entwicklung ist spürbar“, sagt Peter Klinger, 52, Bürgermeister von Tschirn.  „Unser Winterdienst zum Beispiel räumt inzwischen nicht mehr nur die Straßen, sondern auch die Gehsteige. Das haben wir eingeführt, weil es  einfach viele ältere Menschen gibt, die das Schneeschippen körperlich nicht mehr schaffen.“ Die über 65-Jährigen machen mehr als ein Viertel der Tschirner Bevölkerung aus. „Das ist schon eine Herausforderung.“
Das Gebäude der Gemeindekanzlei, in der Klingers Büro untergebracht ist, war früher einmal die Tschirner Grund- und Hauptschule, die auch der Bürgermeister noch besucht hat. Inzwischen ist sie jedoch schon lange geschlossen. Auch der Kindergarten hat 2002 zugemacht, Bäckerei und Metzgerei gibt es nicht mehr, nur noch eine Gastwirtschaft ist übrig. Seit 1987 hat Tschirn fast ein Viertel seiner Einwohner verloren. Besonders die jungen fehlen: „Viele unserer Vereine suchen händeringend Nachwuchs“, so Klinger.
„Für die Jungen gibt’s keine Arbeit hier, die gehen fort. Und wenn die jungen Leute fehlen, fehlt der Schwung – die Power, die Ideen“, sagt Hans Lang, 80, in Tschirn geboren und aufgewachsen und früher einmal CSU-Ortsvorsitzender. Sein Blick in die Zukunft ist düster: „Bei meiner Kommunion waren wir 26 Kinder. Dieses Jahr war es eins. Wie es hier in 20 Jahren aussieht, will ich mir gar nicht vorstellen.“
Fast jedes Jahr ziehen mehr Menschen weg als zu. Doch es gibt auch viele, die bleiben – oder sogar kommen. Jasmin Rebhan ist eine davon. Sie lebt seit drei Jahren in Tschirn. „Wegen der Liebe “, sagt die 22-Jährige. Täglich die gut 20 Kilometer nach Kronach zur Arbeit zu pendeln macht ihr nichts aus. „Es ist ja eine schöne Strecke, ohne Stau.“ Auch Michael Schnappauf, 30, stört das Fahren zu seiner Arbeit in Ludwigsstadt nicht. Er ist in Tschirn aufgewachsen und seit kurzem Hausbesitzer. „Ich habe nicht vor, wegzugehen.“ Er schätzt den Zusammenhalt im Ort, ist selbst seit er 14 war Mitglied der Feuerwehr, inzwischen als Jugendwart.

 „Es stimmt schon – wenn man die Wohnhäuser in Gedanken durchgeht, wohnen hier viele Ältere“

, sagt Julia Barnickel, 19.  „Und es gibt jedes Jahr mehr Beerdigungen als Taufen.“ Nach Pessimismus steht ihr trotzdem nicht der Sinn. „Ich lebe gern hier.“ Genauso sehen das Laura Stark, 16, und Laura Geisler, ebenfalls 16. Alle drei sind in der  Feuerwehr aktiv, möchten bleiben, in Tschirn eine Familie gründen. „Meine Freunde wohnen hier, meine Familie. Durch die Vereine ist man gut eingebunden. Man langweilt sich nicht“, sagt Julia Barnickel.
Günter Böhnlein, 61, ist Vorsitzender der Feuerwehr – und Optimist. „Es gibt weniger Junge, das ist klar. Man muss eben versuchen, möglichst viele für uns zu begeistern. Wir haben eine Kinderfeuerwehr gegründet, unser Jugendwart ist sehr aktiv. Wir geben den Jugendlichen Verantwortung, sorgen aber auch für Spaß.“ Das Konzept geht auf: Fast 20 Mitglieder hat die Kinder- und Jugendfeuerwehr.
„Ob 600 oder 800 Leute in Tschirn wohnen, ändert doch an der Lebensqualität nichts“, findet Böhnlein. Von manchen Gewohnheiten müsse man Abschied nehmen, wie dem Kindergarten vor der Haustüre. „Klar, vieles ändert sich. Aber nicht alles zum Schlechten. Die Menschen haben heute zum Beispiel mehr Wohnraum zur Verfügung als früher. Statt immer über den demografischen Wandel zu klagen, sollte man lieber die Möglichkeiten sehen und anpacken.“

So viele Oberfranken werden nach Berechnungen des statistischen Landesamts 2032 über 60 sein. Momentan sind es 293 000. Insgesamt leben heute gut eine Million Menschen in Oberfranken, 2032 werden es 86 000 weniger sein.

Miriam Hegner

Die Coburgerin Miriam Hegner ist während ihrer bisherigen Volontariats-Stationen in Lichtenfels, Kulmbach und Kronach nicht nur ein Jahr älter geworden, sondern hat vor allem viele neue Orte gesehen, spannende Geschichten erfahren und mit ganz unterschiedlichen Menschen gesprochen – so auch in Tschirn, wo sie dem Demografischen Wandel auf der Spur war.